Gegenwärtig ist Äthiopien vielleicht der einzige Staat der Welt, in dem der Julianische Kalender noch nicht nur im kirchlichen Leben, sondern auch im weltlichen Leben verwendet wird.
Am 11. oder 12. September (je nach Jahr) feiert Äthiopien das neue Jahr (äthiopisches Neujahr) — Enkutatash.
Aus dem Äthiopischen übersetzt bedeutet Enkutatash «Jewel Offering Day». Der Legende nach wurde das Datum des neuen Jahres von der Königin von Saba genehmigt. Nach ihrer Rückkehr von König Salomo von Jerusalem wurde sie von begeisterten Untertanen mit der Opfergabe von Edelsteinen begrüßt. Die Rückkehr der Königin markierte den Beginn einer neuen Ära für Äthiopien, dessen Kaiser ihre Familie vor König Salomo und der Königin von Saba führten.
Die größten Neujahrsfeiern finden in der Kirche — Costele Johannes (St. Johannes) aus dem 14. Jahrhundert in der Stadt Gaint im Bundesstaat Gondar statt. Im Laufe von drei Tagen bereitet sich eine bunte Prozession auf die Neujahrsfeier vor, Priester lesen Psalmen, Predigten, Gebete und Hymnen. Enkutatash wird auch in der Nähe von Addis Abeba in der Ragual-Kirche auf dem Berg Entoto weithin gefeiert.
Der Überlieferung nach beginnen sie am Abend zuvor, den Feiertag zu feiern. Äthiopier machen Eukalyptus- oder Fichtenfeuer. Auf dem Hauptplatz von Addis Abeba wird das größte Baumfeuer von etwa 6 Metern Länge errichtet, und der König (Gouverneur oder Präsident) setzt unter Applaus und Geschrei der Menge dieses Feuer mit einer Fackel.
Feuer — ist ein Zeichen der Wärme. Alle schauen hoffnungsvoll auf die Flammen, freuen sich und haben Spaß. Die Hochburg des Feuers ist ein mächtiger Baum. Die auf dem Platz Versammelten beobachten, wo die verbrannte Spitze des Baumes fallen wird. Es besteht die Überzeugung, dass es die Seite anzeigen wird, auf der es im kommenden Jahr eine große Ernte geben wird. Die Menschen betrachten dies als ein Zeichen Gottes.
Frühmorgens gehen Menschen in Nationalkleidung in die Kirche. Nach der Kirche gehen sie nach Hause, um beim Familienessen die Inger (weißes Fladenbrot) und den Uat (Topf) zu probieren.
Doch Enkutatasch ist nicht nur ein religiöser Feiertag. Es markiert auch das Ende der starken Regenzeit und den Beginn des Frühlings. An diesem Tag verkleiden sich Kinder in bunte Kleider, weben Kränze aus Blumen und verteilen sie. Die Mädchen gehen von Tür zu Tür und singen in Erwartung einer finanziellen Belohnung, während die Jungen Gemälde verkaufen, die sie selbst gemalt haben.
Abends gehen sie zu Freunden und Verwandten und trinken Tella (traditionelles äthiopisches Bier). Während Erwachsene damit beschäftigt sind, über ihre Hoffnungen für das nächste Jahr zu diskutieren, geben Kinder das verdiente Geld aus. In letzter Zeit ist es üblich geworden, dass wohlhabende Bürger einander Grußkarten statt des traditionellen Blumenstraußes schicken.